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Faire Arbeitszeiten

Rund 480 Millionen Menschen weltweit arbeiten 55 Stunden pro Woche oder mehr, wodurch sich das Risiko von Arbeitsunfällen, Schlaganfällen und Herzkrankheiten erhöht.

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Branchenspezifische Risikofaktoren

Multinationale Unternehmen sind häufig mit überlangen Arbeitszeiten in ihren Lieferketten konfrontiert, in denen sie möglicherweise keine direkte Kontrolle über die Produktion und die Zeitabläufe haben. Dies kann in den eigenen Betriebsabläufen von Zulieferbetrieben der Fall sein oder wenn Zulieferbetriebe einen Teil ihrer Arbeit an Heimarbeiter:innen oder kleinere Subunternehmen vergeben. Überlange Arbeitszeiten können jedoch auch innerhalb von Unternehmen auftreten – beispielsweise aufgrund örtlich geltender Normen, einer Kultur langer Arbeitszeiten (z. B. in der Sicherheits- oder Dienstleistungsbranche) oder aufgrund der Abgeschiedenheit der Unternehmenstätigkeit (z. B. in der Öl- und Gasindustrie). In der Seeverkehrsbranche haben die COVID-19-bedingten Reisebeschränkungen auch zu einer Verlängerung der Arbeitszeiten geführt und dazu beigetragen, dass die Beschäftigten in dieser Branche oft über das Ende ihrer Vertragslaufzeiten hinaus arbeiten müssen.

Die Durchsetzung angemessener Arbeitszeiten ist in vielen Branchen eine Herausforderung. Zu besonders risikoreichen Sektoren gehören Landwirtschaft und Fischerei, Mode und Bekleidung, Elektronikfertigung, Finanzdienstleistungen sowie Bau und Infrastruktur. Vor allem die ersten drei Sektoren stellen global beschaffende Unternehmen vor große Herausforderungen. Um mögliche Risikofaktoren für andere Branchen zu ermitteln, können Unternehmen den CSR Risiko-Check nutzen.

Landwirtschaft und Fischerei

Die Landwirtschaft und die Fischerei sind aufgrund der Art der Arbeit zwangsläufig anfällig für lange oder übermäßige Arbeitszeiten. Zu den branchenspezifischen Risikofaktoren zählen:

  • Saisonalität: Saisonale Erntezeiten, die Trächtigkeit von Tieren und Wanderbewegungen von Fischen haben zur Folge, dass sich die Arbeit in der Landwirtschaft und der Fischerei oft auf bestimmte Zeiträume konzentriert, was zu langen Arbeitszeiten während dieser Perioden führt.
  • Stücklöhne: Viele Beschäftigte werden nach dem Gewicht oder der Menge der produzierten Waren bezahlt, was ein weiterer Anreiz ist, länger zu arbeiten, um das Einkommen zu erhöhen.
  • Informalität: Ein hoher Anteil an informellen Beschäftigten und Familien- und Gemeindearbeiter:innen (die nicht sozial abgesichert sind und ohne Verträge arbeiten) erhöht das Risiko überlanger Arbeitszeiten. Diese Risiken sind häufig auch geschlechtsspezifisch, da von Frauen und Mädchen erwartet wird, dass sie sich zuerst um den Familienbetrieb kümmern, bevor sie andere Aufgaben übernehmen, während sich Männer und Jungen eher anderen Aktivitäten wie Bildung und dem Sozialleben widmen können.
  • Zeitliche Unterbeschäftigung: Dies kann oft dazu führen, dass Menschen zahlreiche Teilzeitjobs haben – diese Jobs summieren sich und die Beschäftigten müssen lange Arbeitszeiten in Kauf nehmen, um über die Runden zu kommen.
Hilfreiche Informationen

Hilfreiche Informationen auf Deutsch

  • OECD-FAO, Leitfaden für verantwortungsvolle landwirtschaftliche Lieferketten: Dieser Leitfaden bietet einen allgemeinen Rahmen, der Unternehmen und Investor:innen helfen soll, eine nachhaltige Entwicklung zu unterstützen und Arbeitsbedingungen zu verbessern. Der Leitfaden ist für Unternehmen in der gesamten landwirtschaftlichen Lieferkette relevant.

Hilfreiche Informationen auf Englisch

  • FAO, Regulating Labour and Safety Standards in the Agriculture, Forestry and Fisheries Sectors: Diese Informationen geben Auskunft über internationale Arbeitsnormen, die im landwirtschaftlichen Bereich gelten, einschließlich derjenigen über Arbeitszeit.
  • SOMO, Labour Conditions at Peruvian Fruit and Vegetable Producers: Dieser Bericht schildert die Arbeitsbedingungen in der Landwirtschaft in Peru, in der erzwungene Überstunden zu den häufigsten Verstößen zählen.
  • Fairtrade International, Guide for Smallholder Farmer Organisations – Implementing Human Rights and Environmental Due Diligence (HREDD)Dieser Leitfaden dient als Hilfestellung bei der Umsetzung menschenrechtlicher Sorgfaltsprozesse in kleinbäuerlichen Organisationen.

Mode und Bekleidung

Die Lieferketten der Mode- und Bekleidungsindustrie stehen oft mit überlangen Arbeitszeiten in Verbindung. Beschäftigte arbeiten oft zwischen 10 und 12 Stunden – und manchmal 16 bis 18 Stunden – pro Tag. Zu den branchenspezifischen Risikofaktoren zählen:

  • Nachfrageschwankungen: Schwankungen in der Nachfrage aufgrund der Produktionszyklen von Kleidungsartikeln (Winter, Frühling, Herbst und Sommer), vor allem zu Beginn jeder Saison, treiben das Risiko überlanger Arbeitszeiten in die Höhe. Unternehmen, die bei Mode- und Bekleidungslieferanten einkaufen, schreiben oft vor, dass die Artikel innerhalb eines kurzen Zeitrahmens hergestellt werden. Die Zulieferbetriebe wiederum sind durch vertragliche Vereinbarungen verpflichtet, ihre Zusagen diesbezüglich einzuhalten, aber vertragliche Schlupflöcher werden von Unternehmen oft missbraucht, um Aufträge zu stornieren und sich ihrer Sorgfaltspflicht zu entziehen. Saisonarbeit erfordert, dass die Beschäftigten in einer begrenzten Zeitspanne intensiv und lange arbeiten, um die Nachfrage zu befriedigen.
  • Erzwungene Überstunden: Überstunden werden manchmal aufgezwungen und deren Entlohnung liegt oft unter den gesetzlichen Anforderungen. Die Berechnung von Überstundenzuschlägen wird häufig durch einen unzureichenden sozialen Dialog, eine schlechte allgemeine Kommunikation zwischen Beschäftigten und Management und die Unkenntnis der Beschäftigten über ihre gesetzlichen Ansprüche auf Überstundenzuschläge beeinträchtigt.
  • Outsourcing: In der Branche werden viele Arbeitsschritte ausgelagert und in Heimarbeit erledigt, sodass es schwer nachvollziehbar ist, wo und von wem ein Artikel hergestellt wurde. Informell Beschäftigte und Heimarbeiter:innen haben meist keinen Arbeitsschutz und sind überlangen Arbeitszeiten ausgesetzt.
  • Stücklöhne: Der Stücklohn ist in der Bekleidungsindustrie weit verbreitet und bei Fabrikarbeiter:innen und Heimarbeiter:innen meist geläufig. Zwar gibt es wenige Studien zu den Auswirkungen des Stücklohns auf Arbeitszeiten und Überstunden, doch Niedriglohnbeschäftigte haben oft großen Druck, ihr Einkommensziel zu erreichen, was unweigerlich zu überlangen Arbeitsstunden führt.
Hilfreiche Informationen

Hilfreiche Informationen auf Deutsch

  • OECD, Leitfaden für die Erfüllung der Sorgfaltspflicht zur Förderung verantwortungsvoller Lieferketten in der Bekleidungs- und Schuhwarenindustrie: Dieser Leitfaden soll Mode- und Bekleidungsunternehmen dabei helfen, die in den OECD-Leitsätzen für multinationale Unternehmen enthaltenen Empfehlungen für die Erfüllung der Sorgfaltspflicht umzusetzen, damit die möglichen negativen Auswirkungen ihrer Tätigkeiten und Lieferketten auf verschiedene Menschenrechte, einschließlich fairer Arbeitszeiten, reduziert und vermieden werden. 

Hilfreiche Informationen auf Englisch

  • ILO, Wages and Working Hours in the Textiles, Clothing, Leather and Footwear Industries: Dieser Bericht hebt die Hindernisse für angemessene Arbeitszeiten hervor und enthält Tipps für Unternehmen.
  • Human Rights Watch, Paying for a Bus Ticket and Expecting to Fly: How Apparel Brand Purchasing Practices Drive Labor Abuses: Dieser Bericht beschreibt die Beschaffungs- und Einkaufspraktiken von Markenunternehmen und führt auf, dass diese eine Ursache für Arbeitsmissbrauch in Bekleidungsfabriken sein können, einschließlich übermäßiger Überstunden.
  • Sedex, Apparel Manufacturing: Sedex Insights Report: Dieser Bericht befasst sich mit den sozialen, ethischen und ökologischen Risiken in der Bekleidungsindustrie, einschließlich der Risiken im Zusammenhang mit langen Arbeitszeiten/Überstunden.

Elektronikfertigung

Auch in der Elektronikfertigungsindustrie treten häufig Arbeitszeitverletzungen auf, insbesondere in den Lieferketten. Untersuchungen von Electronics Watch haben ergeben, dass in Elektronikfabriken in China Wochenarbeitszeiten von 60 bis 80 Stunden, einschließlich 20 bis 40 Überstunden, üblich sind.

Zu den branchenspezifischen Risikofaktoren zählen:

  • Strenge Fristen: Das Problem der überlangen Arbeitszeiten in der Elektronikfertigung wird häufig durch strenge Zeit- und Liefervorgaben verursacht, die den Produktionsstätten auferlegt werden, um die Nachfrage der Verbraucher:innen zu erfüllen.
  • Kompetitiver Arbeitsmarkt: Der Wettbewerb um Arbeitsplätze in der Branche kann stark sein, insbesondere bei bekannten Marken. Dies kann dazu führen, dass Beschäftigte bereit sind, übermäßig lange und ohne ausreichende Ruhezeiten, zu arbeiten.
  • Studentische Beschäftigte: In China werden studentische Beschäftigte in Fabriken der Elektronikindustrie als „Praktikanten“ eingesetzt, wo sie gezwungen werden können, übermäßig lange zu arbeiten, und oft nicht dafür bezahlt werden oder nur einen extrem niedrigen Lohn erhalten.
  • Erzwungene Überstunden: Ähnlich wie in der Mode- und Bekleidungsindustrie werden Überstunden manchmal auch erzwungen und die Bezahlung liegt oft unter den gesetzlichen Anforderungen und Branchenstandards.
Hilfreiche Informationen

Hilfreiche Informationen auf Englisch:

  • ILO, Ups and Downs in the Electronics Industry: Fluctuating Production and the Use of Temporary and Other Forms of Employment: Dieser Bericht über die globale Elektronikindustrie informiert unter anderem über die Auswirkungen von befristeter Beschäftigung auf die Arbeitszeit und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.
  • Electronics Watch, Regional Risk Assessment Electronics Industry, China: Dieser Forschungsbericht über die Elektronikindustrie in China hebt Verstöße gegen die Arbeitszeit als eine von vielen Menschenrechtsverletzungen in dieser Industrie hervor.
  • GoodElectronics Network, Labour Conditions at Foreign Electronics Manufacturing Companies in Brazil: Case Studies of Samsung, LGE and Foxconn: Dieser Bericht über die Arbeitsbedingungen in der Elektronikindustrie in Brasilien führt „Zwangsüberstunden“ als einen der häufigsten Verstöße an.
  • Verité, Forced Labor in the Production of Electronic Goods in Malaysia: A Comprehensive Study of Scope and Characteristics: Dieser Bericht über Zwangsarbeit in der Elektronikindustrie in Malaysia hebt „Zwangsüberstunden“ als einen der häufigsten Verstöße hervor.